Das braune Gold

Scan 1

„Ich hab die Alte aufgemacht und dann hab ich’s schon gerochen. Die Kacke ist mir richtig entgegen gespritzt. Die Scheisse und das Blut sind seitlich über den Tisch nach unten über meine Schuhe gelaufen. Über zwei Liter pure Kacke hab ich aus der rausgesaugt. Ein typischer Freitagsdienst halt…“ Was einer meiner Oberärzte hier so bildhaft beschrieb, steht sinnbildlich für die nächtlichen Freuden der Bauchchirurgie.

Nach einiger Zeit in diesem Fach lernt man so einige Krankheitsbilder kennen. Von der Blinddarmentzündung, über diverse Krebserkrankungen bis hin zu abdominellen Verletzungen. Ein sehr umfangreiches, facettenreiches Fach. Wenn man es aber auf einen kleinen gemeinsamen Nenner herunterbrechen will, dann geht es im Endeffekt immer um die Frage: Kackt der Patient oder kackt er nicht.

Der Freitagsileus

Was für die normal Berufstätigen der Montag ist, ist für mich der Freitag. Ich hasse Dienste an Freitagen. Das Wochenende steht vor der Tür und das ist der Zeitpunkt, an dem von den Hausärzten die Einweisungsscheine verteilt werden, wie im Stripclub die Fünfer. Besonders beliebt hierbei, die „Notfälle“ aus den Altenheimen. Der unterbezahlten Altenpflegerin ist zwar schon am Montag aufgefallen, dass Oma Waltraud ihren Grießbrei ständig auskotzt und seit Tagen nicht mehr in die Windel gekackt hat, aber der Hausarzt möchte vorerst noch abwarten. Freitag Nachmittag hat die Oma dann Fieber und das was sie auskotzt riecht und sieht aus als sollte es eigentlich in der Windel sein. Also wird das Rettungsdiensttaxi gerufen, die Oma in die Klinik gefahren und zu meinem Problem gemacht. Auf dem Einweisungsschein steht „Subileus/Koprostase DD Appendizitis DD Lupus erythematodes DD Aidskrebs“ oder irgendetwas anderes, was einem wenig weiterhilft. Der veraltete oder ganz fehlende Medikamentenplan steigert die Freude an dieser Aufnahme noch zusätzlich. Im Jahr 2018 ist es in einem Land wie Deutschland, aufgrund fortschrittsverhindernder Datenschutzaffen auch nicht möglich, Informationen dieser Art auf einer Krankenkassenkarte zu speichern. Die Frustration, den Hausarzt nach 13:00 Uhr anzurufen, erspare ich mir gleich.

Der Ablauf bei diesem Krankheitsbild ist inzwischen schon Routine. Ich frage die Patientien, wann sie das letzte Mal Stuhlgang hatte. „Das kann ich Ihnen jetzt nicht so genau sagen, Herr Doktor.“ Ich drücke vorsichtig auf den Bauch. Dieser ist bretthart und die Patientin schreit vor Schmerz. Ich höre mit dem Stethoskop auf den Bauch und höre nichts außer das Wimmern der Patientin. Ich melde ein Röntgenbild in Linksseitenlage an, lege die Patientin auf die linke Körperseite und lasse sie in die Radiologie fahren. Nach ca. 15 Minuten sehe ich das Röntgenbild im Computer. Aufgenommen in Rückenlage. Auch die Röntgenassistentin ist heute scheinbar gegen mich. Auf dem Bild sieht man aufgeweitete Dünndarmschlingen und einen Dickdarm, der bis zum Anschlag voll mit Scheisse ist. Ich ordne bei den Schwestern an, dass sie der Patientin eine Magensonde legen und informiere meinen Oberarzt, dass der Freitagsileus eingetroffen ist. Die nächsten zwei Stunden verbringen wir mit der Patientin im OP. In der Luft liegt der süßlich bittere Geruch aus einer Mischung von Blut und Stuhlgang. Und wenn sie auf der Intensivstation nicht an einer Lungenentzündung gestorben ist, dann lebt sie noch heute.

Stationäres oder ambulantes Kacken

Ebenfalls gern gesehen in der Notaufnahme ist die Einweisungsdiagnose „Unklare Bauchschmerzen“. Hin und wieder handelt es sich hierbei um Blinddarmentzündungen, akute Gallenblasenentzündungen oder eine Divertikulitis. Meistens jedoch ist der Grund für den freitäglichen Besuch in der Notaufnahme mit diesen „unklaren Bauchschmerzen“ schlicht und ergreifend „stehende Kacke“. Da der Mediziner solch unfeine Ausdrücke gerne ins Lateinische oder Griechische übersetzt, weil es dann gebildet klingt, wird es auch „Koprostase“ genannt. Eine solche Koprostase kann auch schnell in einen Darmverschluss, also Ileus, wie oben beschrieben, übergehen. Da ich nicht nur wegen des Geldes, der Macht und der Frauen Arzt geworden bin, sondern auch um als Held dazustehen, arbeite ich gerne mit dem psychologischen Mittel der Angst. Vor allem, wenn mich Patientin nachts mit solchen Problemen belästigen.

„Hmmm, also im Ultraschall sieht man, dass der Darm nicht richtig arbeitet. Da bewegt sich nicht viel. Im schlimmsten Fall muss man das Problem operativ lösen…“

Die Farbe weicht aus dem Gesicht der Mitte 50-jährigen Patientin, die mit ihren quadratischen 120 Kilo beinahe die ganze Liege ausfüllt. Sie hat seit ungefähr drei Tagen diffuse Bauchschmerzen, nachdem sie ungefähr eine Woche nicht mehr auf der Toilette war. Um 00:30 Uhr hat sie sich dann entschieden, meinen Schönheitsschlaf zu unterbrechen, indem sie den Fuß über die Schwelle der Notaufnahme gesetzt hat.

„…jaaa, da müsste man dann einen großen Schnitt machen.“

Dass sowohl ihre Laborbefunde, als auch ihr Röntgenbild zum aktuellen Zeitpunkt keine OP rechtfertigen, lasse ich vorerst unerwähnt. Kann man um diese Uhrzeit ja auch mal vergessen.

„Aber zuerst probieren wir mal, ob wir Ihnen mit abführenden Maßnahmen helfen können.“, füge ich hinzu.

Ich ordne der Schwester an, der Patientin einen Hebe-Senk-Einlauf zu machen (an dieser Stelle sei erwähnt: Ich beneide Euch nicht um Euren Job!).

Kurz darauf wird ein Sieg von der braunen Front vermeldet. Die Patientin hat erfolgreich gekackt und ist nun deutlich erleichtert. Laut Schwester um etwa fünf Kilo. Die Schmerzen sind auch verschwunden. Ich bin der Held, weil die Patientin nun „geheilt“ die Klinik verlässt und gerade noch so einer Operation entkommen ist.

Wer meint, dass man als Arzt in einer Notaufnahme Leben rettet, hat gar nicht so unrecht. Es sieht nur anders aus als in der landläufigen Vorstellung. Wer nicht kackt, stirbt irgendwann. Und ich habe sechs Jahre studiert und mich mit Biochemie gequält, um jetzt Menschen die Darmtätigkeit anzuregen, ihnen Finger in den Auspuff zu stecken und mich im OP mit Darminhalt anspritzen zu lassen.

„Scheißen ist der Sex des Alters“ lautet eine alte Medizinerweisheit.

Wenn das so ist, dann arbeite ich im Puff.

Mit kollegialen Grüßen

Doc Simon

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2 Kommentare zu „Das braune Gold

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